Falk/CIS

Fünf Minuten am Rheinufer

Eine kurze Unterbrechung, ohne große Erkenntnis, mit Gries im Schuh.

VonFalkDatumRubrikImpressionenLesezeit4 Minuten
Stilisierte Illustration des Rheinufers mit Bank, windbewegtem Schilf und einem kleinen Boot am Horizont.
Stilisierte Illustration des Rheinufers mit Bank, windbewegtem Schilf und einem kleinen Boot am Horizont.

Fünf Minuten am Rheinufer sind keine Reise. Man kommt nicht an, man fährt nicht los, und der Fluss bedankt sich nicht dafür, dass man ihn anschaut. Trotzdem reichen fünf Minuten, damit die Gedanken einmal ihre Plätze tauschen.

Warum ich stehe

Eigentlich muss ich zum Supermarkt. Der Wind nimmt die Richtung, dass die Jacke eine Sekunde lang flattert, und diese Sekunde ist genug. Ich bleibe stehen, weil der Fluss keine Ausrede braucht, um da zu sein. Er ist einfach da.

Drei Veränderungen

Zuerst ändert sich der Wind. Er kommt vom Wasser, kühl, und drückt die Jacke gegen mich, nicht böse, nur bestimmt. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, er verstellt etwas in mir. Er verstellt nur den Kragen.

Dann die Wasseroberfläche. Sie ist nicht glatt, sie ist auch nicht unruhig, sie ist unbeirrt: kleine Falten ziehen hin, größere dehnen sich, und alles zusammen ergibt ein Muster, das sich wiederholt und doch nie gleicht. Ich schaue so lange, bis ich nicht mehr ruhig bin. Es gibt Momente, in denen das Wasser zu laut wird, obwohl man ihm nichts vorwerfen kann.

Schließlich die Bank. Sie ist kalt und feucht, und der Gries der Feuchtigkeit setzt sich sofort an den Händen fest. Ich setze mich trotzdem, weil ich es nicht eingesehen habe, dass der erste Eindruck recht behalten darf.

Die Umgebung

Am Rheinufer laufen Leute, die ich nicht kenne, in einer Reihenfolge, die ich nicht sehe: auf der linken Seite ein Radrennfahrer, der anstrengt, sich zu bewegen, als gäbe es eine Anzeigetafel mit seiner Zeit. Dahinter geht eine Frau mit einem Einkaufswagen vorbei, der ein Rad hat, das quietscht. Immer wenn sie das Ende der Mauer erreicht, stellt sie sich um und geht zurück, wie ein Pendel, das niemand aufzieht.

Ich versuche, fünf Minuten wie eine Uhr zu behandeln, die ich in der Hand halte, und merke, dass mein Handy nicht einmal wichtig ist. In so einer kurzen Zeit passiert sehr wenig, und gerade das ist angenehm: Das Feld, das sich hier als Zeit anbietet, ist keine Frist, sondern ein Hohlraum, den ich nicht füllen muss.

Das alte Bild

Vielleicht erinnere ich mich an den Sommer, in dem ich am Ufer stand und dachte, die Gedanken würden für immer weiterwandern, wie das Wasser. Heute weiß ich: Das Wasser bleibt, und die Gedanken wandern. Es ist keine Enttäuschung. Es ist nur eine andere Art, dieselbe Stelle zu sehen.

Ich habe mir damals die Stelle gemerkt, an der ich stand, und wäre ich heute ein Messgerät, könnte ich prüfen, ob sie noch stimmt. Aber ich bin kein Messgerät, und der Fluss hat seitdem so viel Wasser geschoben, dass die Frage ihre Schärfe verloren hat. Was bleibt, ist die Scham nicht, sondern eine gewisse Sicherheit: Es gibt Orte, an denen man sich nicht erklären muss, und das Rheinufer ist einer davon.

Die zwei Minuten danach

Ich weiß nicht, was ich erwarten sollte, aber nichts davon wird beantwortet. Ich stehe auf, weil der Himmel die Farbe zu wechseln beginnt, und gehe zum Supermarkt. Die Hand trocknet an der Jacke, an der Stelle, an der sie mehrmals über den Stoff reibt, und am Ende bleibt das Bild des Flusses nicht stehen, sondern zieht mit, bis es sich hinter der nächstbesten Ecke verliert.

Im Supermarkt frage ich mich, warum ich eigentlich stehen geblieben bin. Ich kannte die Ausrede nicht: kein Grund, keine Entscheidung, nur das Bedürfnis, zwei Minuten lang auf etwas zu schauen, das nicht antwortet. Vielleicht ist das die beste Verwendung dieser Zeit. Der Kassierer sagt mir den Preis, ich lege das Geld hin, und die fünf Minuten am Fluss, die ich hatte, sind verbraucht und nicht berechenbar.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die Farbe: Das Rheinufer war zur Stunde meines Abschieds ein Streifen aus Papierblau, und hinter dem Wasser blieb eine Kante, die genauso niedrig war wie die, an der ich stand. Ich habe nicht gemerkt, dass ich sie vermisse, bis sie weg war. Vielleicht ist die Aufgabe des Ufers, dass man auf dem Weg nach Hause noch einmal umkehrt, nicht im Schritt, sondern im Kopf.

Fünf Minuten, die nichts gehalten haben, von denen nichts erzählt wird, wenn man mich später fragt. Und trotzdem waren sie an ihrem Ort für mich genau richtig. Der Fluss ist der verlängerte Rand, an dem ich gern stehe, ohne mir etwas darauf einzubilden.