Nach dem Regen hört man in Wiesbaden andere Dinge. Das Wasser tropft nicht mehr von oben, sondern von den Stellen, an denen man es sonst nicht erwartet. Ein Fahrradreifen schiebt sich durch eine Pfütze. Hinter einem Fenster läuft ein Gerät an. Jemand zieht einen Rollkoffer über eine Fuge im Gehweg, als hätte die Fuge darauf gewartet.
Ich stehe unter dem Vordach der Apotheke und packe meinen Schirm zusammen. Der Regen hat aufgehört, aber die Straße hat nicht aufgehört. Sie holt das Wasser, das ich zuerst nicht verstehe, und macht es hörbar.
Drei Geräusche
Das erste Geräusch ist das Tropfen: von der Dachkante, von der Markise, von der Ampel über mir, die ihre Nässe gleichmäßig abgibt, als würde sie Wasser zählen. Es klingt wie ein langsamer Schlussakkord, der nie endet.
Das zweite Geräusch ist das Rollen eines Fahrrads über den Asphalt. Es klingt, als würde jemand mit einer Naht das Pflaster nähen. Der Fahrer hat es eilig, aber das Geräusch nimmt sich Zeit. Es zieht an mir vorbei, wie eine Zeile, die ich nicht mitschreiben muss.
Das dritte Geräusch ist das Schieben des Rollkoffers über die Fuge. Der Koffer schlägt bei jeder Fuge an, und die Fahrerin ordnet das Ruckeln nicht neu, sie trägt es weiter. Es ist ein Geräusch, das man hört, weil es nachher leise wird, und die Stille hat es angekündigt.
Das vierte Geräusch
Dann das vierte, das ich nicht erwartet habe: ein Gähnen, das von irgendwo aus einem Hauseingang kommt, zu dem ich keinen Bezug habe. Kein Gespräch, kein Fenster, nur das Gähnen, das so echt klingt, dass ich selbst gähnen muss. Zwei Menschen, die einander nicht kennen, verbunden durch einen einzigen Ton in einer nassen Straße. So etwas passiert mir bei Regen öfter. Er reibt die Stadt ein, bis das Zufällige, Unbekannte miteinander verschmilzt und die Grenze zwischen öffentlich und privat für einen Augenblick dünn wird.
Ich stehe noch im Türrahmen der Apotheke, obwohl der Regen längst vorbei ist, und höre das Gähnen abebben wie ein Signal, das keine Funktion mehr hat. Die Frau mit dem Rollkoffer ist um die Ecke, das Fahrrad auch, und die Straße hat nun eine andere Besetzung für das vierte Geräusch: einen Brief, der in einen Briefkasten geschoben wird. Der Umschlag fällt auf das Metall, einmal, zweimal, und dann ist es wieder still.
Eine andere Erinnerung
Ich erinnere mich an ein anderes nach dem Regen, vor vielen Jahren: Ich hörte, wie die Tropfen in den Regenwassereimer unten im Hof fielen, und zählte sie. Es waren nie zwanzig, immer zu viele. Seitdem höre ich nach dem Regen nicht auf die Menge, sondern auf das Muster. Der Regen macht aus der Stadt ein Instrument, das er selbst stimmt, und die Menschen, die die Fugen und Rinnen kennen, dürfen es spielen.
Das Verschwinden
Dann passiert das, was immer passiert: Das Geräusch der Markise endet, weil sie der Besitzer hereingeholt hat. Das Geräusch der Ampel bleibt, aber es kommt mir jetzt leiser vor. Der Wind dreht sich, nimmt die Rollkoffer-Stelle mit und bringt dafür das Summen einer Lüftung, die jemand im dritten Stock angeschaltet hat. Die Stadt hat ein Geräusch gegen ein anderes getauscht, und ich stehe da, als könnte ich irgendetwas zurückgeben.
Das letzte Geräusch
Am Ende bleibe ich stehen und höre, wie der letzte Rest Wasser über die Bordsteinkante läuft und in den Rinnstein zischt. Das Pflaster ist schon fast trocken, nur eine Mulde hält noch einen Spiegel, der das Haus darin kippt. Ich trete hinein, weil es sich gehört, und das Geräusch, das mein Schuh macht, ist klein und entschieden.
Ich zähle die Sekunden, bis es wieder still ist, aber die Stille kommt nicht, weil irgendwo ein Hahn im dritten Stock aufgedreht wird. Das Letzte, was ich höre, ist das Wiedereinsetzen der bekannten Geräusche: ein Auto, das anfährt, eine Tür, die zufällt, ein Radioton, der zu früh abgeschaltet wird. Der Regen hat gesprochen, und die Stadt hat geantwortet.
Danach ist die Straße wieder eine normale Straße. Aber für einen Moment war sie ein Raum, in dem jedes Geräusch einen Namen hatte.
