Gegen vier Uhr wird die Schwalbacher Straße für ein paar Minuten heller, obwohl die Sonne nicht stärker scheint. Das Licht rutscht an den Fassaden entlang und bleibt an den Scheiben hängen. Wer gerade vorbeigeht, sieht aus, als würde er in einem anderen Raum weiterlaufen.
Ich stehe an der Kante, wo der Bordstein eingebrochen ist, und schaue nicht auf die Schaufenster, sondern auf die Stellen dazwischen. Die Schwalbacher Straße hat viele Gesichter: hier ein Blumenhändler, da eine Apotheke, aber um vier Uhr gehören die Häuser nicht der Straße, sondern dem Licht. Es nimmt sich eine ganze Etage vor, schiebt sich über das alte Ornament, das sonst niemand anschaut, und lässt die Fassade aussehen wie einen gerissenen Bogen Papier.
Zwei Silhouetten und ein Fahrrad
Ein Fahrrad kommt von links, der Fahrer muss nicht bremsen, er passt sich einfach an, als wäre die Straße aus Gummi. Hinter ihm trägt jemand zwei Tüten, die zusammen ein Bein bilden, wenn man schnell genug hinsieht. Am Fußgängerüberweg wartet eine Frau mit einem Kinderwagen, und alle drei, die Frau, der Wagen und die Wartelinie, schauen dieselbe Richtung ins Nichts, das sich Ampel nennt.
Niemand bleibt stehen. Wer stehen bleibt, sieht verdächtig aus, als wäre er gerade aus einem Film gefallen. Und ich bleibe stehen.
Der Fahrer nickt der Wartenden zu, ohne sie anzusehen, nur die Schulter bleibt einen Schlag länger entspannt. Solche Grüße ohne Blick sind die übliche Sprache der Straße. Ich dachte eine Sekunde daran, sie zu zählen, ließ es aber, weil man die Sprache der Stadt nicht in Zahlen auflösen muss, wenn man sie nur hören will.
Die Scheiben
Die alten Schaufenster haben kleine Buckel, wenn sie altes Glas haben, die neue Glasscheibe ist glatt und kalt. Ein Bus fährt vorbei, und mit ihm wandert das ganze Licht in die Scheiben, die Busse fangen die Straße auf und schenken sie dem nächsten Moment zurück. Das ist das Schöne an Städten: Sie haben genug Flächen, um einmal Ankommendes weiterzureichen. Licht, das vor mir auf dem Pflaster ankam, parkt einen Augenblick später auf der Scheibe des Lotto-Ladens und hüpft von dort in einen Papierkorb.
Ein Pflasterstein ist dunkler als der Rest, er hält das Wasser. Ich hätte darauf geschworen, dass es seit Tagen nicht geregnet hat, aber die Steine wissen es besser.
Ich bleibe lange genug, um zu sehen, wie ein Mann die Schaufensterfront abwischt. Er tut es mit einer Präzision, die ich an einem Bauplan vermutet hätte, und im hellsten Teil des Lichts, das auf der Scheibe liegt, ist er einen Augenblick lang nur eine schmale Silhouette. Kein Gesicht, keine Kleidung, nichts, was ich wiedererkennen könnte als das Muster: ein Mann, der zwischen Fassade und Reflexion steht und die Mauer sauber hält.
Mein Nachteil
Ich habe den Nachteil, dass ich anhalten muss, wo andere weitergehen können. Andere bemerken: Das Licht tut etwas. Ich bemerke: Wie es das tut. Der Unterschied kostet mich zwei Minuten und keinen befriedigenden Grund. Dann hebe ich die Schultern und gehe weiter, in der Gewissheit, dass ich wiederkommen werde, wenn der Mond ein ähnliches Arrangement trifft.
Ich habe eine Theorie, dass die Straße zwei Geschwindigkeiten hat: die der Füße, die sie durchqueren, und die der Blicke, die sie ankern. Um vier Uhr, vielleicht auch um zehn, laufen beide kurz auf derselben Frequenz, und genau dann sieht die Stadt aus wie aufgeräumt von innen. Kein Reinigungsdienst. Nur das Licht, das die Ecken weisht, bis sie gefallen.
Wie es endet
Das Licht geht gegen halb fünf auf die andere Seite. Es nimmt den oberen Bogen der Fassade, zieht über die Dachkante und verschwindet hinter der Straßenecke, als hätte es einen Termin. Ich werde in einer Minute weniger stehen, aber ich behalte etwas: dass die Straße um diese Uhrzeit gerade genug Distanz hatte, um sich zu zeigen, und dass ich zufällig am richtigen Rand stand.
Die Straße hat das Licht mittlerweile eingetauscht. Was ich für einen Moment für ihr echtes Gesicht hielt, war wieder nur eine Stelle, an der es schön vorbeigeht. Ich nehme es als das, was es ist: ein Angebot.
