An der Haltestelle steigen die Leute in der Reihenfolge ein, in der sie so tun, als hätten sie es nicht eilig. Ich gehöre meistens zu den Ersten, obwohl ich seit Jahren weiß, dass der Bus deshalb nicht schneller kommt. Manchmal bleibe ich eine Haltestelle länger sitzen. Nicht aus Abenteuerlust. Eher, weil der Tag noch keine Entscheidung von mir verlangt.
Die Ordnung des Wartens
Das Warten hat seine eigene Choreografie. Wer zuerst ankommt, stellt sich nicht in eine Reihe, sondern ins Sichtfeld der Straße. Wer später kommt, positioniert sich so, dass er beim Einstieg weder gedrängt wird noch drängt. Es gibt Menschen, die lesen, und Menschen, die ihre Tasche halten, als wäre sie ein Ticket. Und es gibt mich, der den Fahrer an der letzten Ecke schon beim Herankommen erkennt, als wäre die Begrüßung Teil des Linienplans.
Ich finde es merkwürdig, wie schnell aus einer Gruppe Fremder eine Mannschaft wird, wenn ein Bus ausfällt. Nach drei Minuten steht keiner mehr allein. Nach fünf Minuten hat jemand Auskunft gegeben, die er eigentlich nicht hat. Die Stadt funktioniert wie ein gemeinsames Wörterbuch, das man nur aufschlägt, wenn eine Seite fehlt.
Die Haltestelle, an der ich meistens steige, hat eine Sitzbank, die so abgenutzt ist, dass die Mitte eine kleine Mulde hat. Wenn die Mulde nass ist, weiß ich, dass es vorhin geregnet hat, auch wenn der Himmel längst blau ist. Ich mag solche Auskünfte. Sie sind unverlangt und kosten nichts, und genau deshalb kommen sie von allein und bleiben.
Der Mitfahrer
Heute sitzt neben mir ein Mann, der die ganze Fahrt auf einen Zettel schreibt. Nicht über mich, er ist nicht beschäftigt mit mir, er schreibt einfach. Ich sehe, dass er auf der angeklebten Seite anfängt und dann zu den freien Stellen wechselt. Als er aussteigt, bleibt die letzte Zeile unfertig, und die Lücke zwischen zwei Wörtern fällt mir auf, weil ich eine Zeitlang für eine Anzeigenzeitung gearbeitet habe, aber das sage ich nicht laut, weil es mit meinem heutigen Tag nichts zu tun hat.
Am liebsten wäre ich der Mann mit dem Zettel. Aber ich bin der Mann, der ihn ansieht und sich dann fragt, ob er aufpassen sollte. Beim Aussteigen denke ich, dass in einem Bus mehr Erzählungen Platz haben als in manchem Bücherregal.
Ein Fensterplatz
Ich sitze gern rechts, weil die Strecke dort die Fassaden und nicht den Fahrbahnrand zeigt. Der Bahnhof, die Adolfsallee, und dann der langsame Schleier von Regen, der hinter dem Fenster hochzieht. Vor zwanzig Jahren fuhr ich dieselbe Strecke zu derselben Zeit und kannte jede Baustelle. Heute ist die Baustelle weg, aber ein ähnlicher Zaun daneben, und ich kann nicht mehr sagen, ob ich mich erinnere oder ob ich nur die alte Nummer wiederverwende.
Manchmal legt sich die Vergangenheit wie eine zweite Spur über die Fahrbahn. Dann sehe ich das Haus, in dem eine Bäckerei war, und der Bakelit des Schildes ist in meiner Erinnerung noch gelb, obwohl das Geschäft seit Jahren ein anderer Laden ist. Es macht nichts. Das ist es, was eine Stadt aus einem macht: ein Archiv, das ungefragt Seiten umblättert.
Im Rückspiegel des Busses sehe ich mich selbst, klein und festgeschnallt, und dahinter die Reihe der Haltestellen, die ich in der richtigen Reihenfolge kenne wie eine Gebetskette. Der Fahrer beugt sich vor, um eine Weiche zu sehen, und sein Schulterblatt entspannt sich, als alles gut geht. Diese kleinen Momente von Kooperation durchzieht die ganze Fahrt: dass jeder, der einsteigt, Minuten später alles tut wie auf einer Bühne, die vom Chor dirigiert wird.
Eine Haltestelle mehr
Warum steige ich heute nicht aus? Vielleicht, weil der Bus noch warm ist, vielleicht, weil ich das Gefühl habe, der nächste Abschnitt gehört noch nicht zu meinem Tag. Ich schaue aus dem Fenster, sehe einen Mann, der zwei Einkäufe an einer roten Ampel balanciert, und plötzlich ist diese Haltestelle da, an der ich sonst nie steige. Es sind keine zwei Minuten, die ich gewinne oder verliere, aber ich habe die Stadt ein Knie weiter kennengelernt.
Als ich aussteige, regnet es leicht. Ich gehe an einer Schaufensterscheibe vorbei, an der mein nasses Spiegelbild einen Moment lang den Blick hält. Zusammen mit der Mulde auf der Bank, dem Mann mit dem Zettel und den drei Minuten Verspätung ist das der ganze Inhalt dieser Fahrt. Nicht viel, und trotzdem mehr, als ich beim Einsteigen gehabt habe.
Dann bin ich in der bekannten Straße, in die gewöhnliche Ordnung zurückgekehrt, und die einzige Veränderung ist, dass der Vortag keine Spuren mehr hat. Am Ende aber hat die kleine Abweichung einen eigenen Eintrag in der Chronik: nicht besonders, nicht aufregend, nur eine Haltestelle später.
