Wenn man von der Schwalbacher Straße kommend die Treppen zum Schulberg hinaufsteigt, wechselt der Klang unter den Sohlen schlagartig. Eben noch das harte Klatschen von Gummisohlen auf feuchtem Asphalt, begleitet vom Rauschen der Linienbusse an der Haltelinie, und plötzlich ein dumpfes, hohles Nachgeben. Dicke Holzbohlen, die unter jedem Schritt ganz leicht federn.
Ich bleibe auf der Mitte des überdachten Stegs stehen. Zehn Meter unter mir schiebt sich ein Lieferwagen durch die Coulinstraße. Das Ziegeldach über meinem Kopf fängt den feinen Nieselregen ab, und zu meiner Linken ragt ein massiver graubrauner Klotz in den Morgenhimmel: die Heidenmauer.
Es ist das älteste Bauwerk Wiesbadens. Wenn man mit den Fingerspitzen über den porösen Mörtel streicht, spürt man keinen glatten Quader, sondern eine raue, fast erdige Kruste aus Bruchsteinen, Kiesel und rot gebrannten Ziegelbröckeln.
Ein Wall aus recycelter Zeit
Die Mauer entstand nicht als Schmuckstück, sondern in Eile. Um das Jahr 370 nach Christus, als Kaiser Valentinian der Erste die Rheingrenze gegen die Alamannen sicherte, brauchte die Siedlung Aquae Mattiacorum eine Wehranlage. Die römischen Pioniere bauten in der Technik des Opus caementitium: zwei Schalen aus grobem Schiefer und Kalkstein, der Zwischenraum mit flüssigem Kalkmörtel und Steinen verfüllt. Ursprünglich zog sich dieses Bollwerk über fünfhundert Meter weit um den Hang.
Wer genau hinsieht, entdeckt an manchen freiliegenden Stellen die Bruchstücke älterer Epochen. Für den Kern der Mauer schlugen die spätantiken Maurer Grabsteine, Säulenreste und Weihealtäre kurz und klein, die Kaufleute und Soldaten in den zwei Jahrhunderten zuvor im Tal aufgestellt hatten. Spolien nennt die Denkmalpflege solche wiederverwendeten Steine.
Die Römer bauten ihre Verteidigung auf den zerschlagenen Inschriften ihrer eigenen Vorfahren auf.
Was wir heute am Schulberg als ehrwürdige Antike betrachten, war im vierten Jahrhundert ein nüchterner Akt der Wiederverwertung. Zeit wurde damals wortwörtlich zu Schotter geschlagen, um Mauern gegen den nächsten Winter hochzuziehen.
Der Schnitt von 1901
Fünfzehn Jahrhunderte lang stand die Mauer einfach da. Im Mittelalter nutzte die Stadt den Wall als Teil der Stadtbefestigung. Später wuchsen Efeu und Holunder darüber, und die Wiesbadener Bürger brachen sich gelegentlich Steine für ihre Kellerfundamente heraus. Die Mauer war zu dick, um ganz abgerissen zu werden, und zu unhandlich, um als Parkanlage zu gelten.
Dann kam das Jahr 1901. Wiesbaden war zur glanzvollen Weltkurstadt aufgestiegen. Pferdekutschen, Kurgäste und die ersten Automobile drängten durch die engen Gassen rund um das Quellenviertel. Der Magistrat wollte eine neue Verbindung schaffen, die vom Tal hinauf in die westlichen Wohnquartiere führte.
Die Heidenmauer stand dieser Verbindung im Weg. Ohne langes Zögern setzten die städtischen Bauarbeiter Pressluftbohrer und Schaufeln an: Eine tiefe Schneise wurde quer durch das römische Monument geschlagen, um die Coulinstraße anzulegen.
Der Protest der Historiker folgte auf dem Fuß. Wie konnte eine stolze Kurstadt ihr einzigartiges römisches Denkmal zersägen, nur damit Kutschen zwei Minuten schneller um den Schulberg biegen konnten?
Genzmers hölzerne Naht
Der Mann, der die Wunde schließen musste, war Stadtbaumeister Felix Genzmer. Er leitete von 1881 bis 1903 das städtische Bauwesen und hatte Wiesbaden mit der Bergkirche und dem Kaiser-Friedrich-Bad geprägt.
Genzmer wählte keine eiserne Industriestruktur und keinen historisierenden Prunkbogen aus rotem Sandstein. Er entwarf 1903 das Römertor: eine überdachte Holzbrücke, inspiriert von antiken Brückenkonstruktionen, wie sie römische Legionen über Flüsse schlugen. Breite Pfeiler fangen den Bogen über der Fahrbahn ab, während die Fußgänger durch einen hölzernen Wandelgang spazieren.
Entlang der Brückenbrüstung ließ Genzmer Gips- und Steinabgüsse römischer Inschriften montieren, die man im Wiesbadener Boden gefunden hatte. Wer den Steg überquert, liest im Vorbeigehen die Namen von Reitern, Zenturionen und Göttinnen. Es ist eine Theaterkulisse des Kaiserreichs, gebaut um ein schlechtes Gewissen zu beruhigen, und doch funktioniert sie seit über hundertzwanzig Jahren als ganz gewöhnlicher Fußweg.
Tabelle auf kleinen Bildschirmen seitlich verschiebbar.
| Epoche und Baujahr | Bauliche Substanz | Städtische Funktion |
|---|---|---|
| Spätantike (um 370 n. Chr.) | Zehn Meter Opus caementitium mit römischen Spolien | Schutzwall und Grenzsicherung für Aquae Mattiacorum |
| Kaiserzeit (1901 bis 1903) | Straßendurchbruch und überdachte Holzbrücke mit Ziegeldach | Verbindung von Kurviertel und Stadtteilen über die Coulinstraße |
| Gegenwart (seit 2021) | Erhaltenes Mauerfragment und geplanter Witterungsschutz | Alltägliche Fußgängerquerung und offene Denkmallandschaft |
Krümelnder Kalk und moderne Planer
Wenn ich heute an der Brüstung stehe, sehe ich die Spuren der jüngsten Jahrzehnte. Der Kalkmörtel der Heidenmauer leidet. Regenwasser dringt in die Mauerkrone ein, Frost sprengt die Fugen, und die Abgase aus der Straßenschlucht setzen dem porösen Stein zu.
In den siebziger Jahren versuchte man die Mauer mit hartem Zementmörtel zu retten. Das war gut gemeint, erwies sich aber als folgenschwerer Irrtum: Der harte Zement sperrte das Wasser im weicheren römischen Kalk ein, sodass der antike Kern von innen her zerbröckelte. Erst bei den Sanierungen 2013 und 2014 wurde dieser Fremdkörper behutsam abgetragen.
Im Sommer 2021 hat die Stadt einen Architektenwettbewerb entschieden. Gesucht wurde ein dauerhafter Witterungsschutz: eine filigrane Konstruktion, die wie ein leichter Schirm über den verbliebenen Mauerresten schweben soll, ohne das Denkmal optisch zu erdrücken. Die Pläne existieren, Skizzen wurden prämiert, doch am Schulberg mahlen die Mühlen ruhig.
Schritte über die Zeitschichten
Eine ältere Frau mit einer Einkaufstasche über der Schulter überholt mich auf dem Steg. Ihre Absätze klackern im selben hohlen Rhythmus wie meine Schuhe. Sie blickt weder nach links zur Heidenmauer noch nach rechts zu den lateinischen Schriftzügen von Felix Genzmer. Sie geht einfach nach Hause.
Genau das gefällt mir an diesem Ort. Er ist kein abgesperrtes Freilichtmuseum, an dem man Eintritt zahlt und Schilder studiert. Die Jahrhunderte liegen hier nicht ordentlich hinter Glasvitrinen sortiert. Sie stehen mitten im Weg. Man muss über sie hinweglaufen, um zur Schwalbacher Straße zu kommen, oder unter ihnen hindurchfahren, wenn die Ampel auf Grün springt.
Ich lege die Hand noch einmal an die kalte Mauerecke am Brückenkopf. Ein kleines Korn römischen Mörtels löst sich und fällt lautlos in die Tiefe auf den Asphalt der Coulinstraße. Es hat sechzehnhundert Jahre gewartet, um auf eine Straße zu fallen, die es erst seit gestern gibt.
