Falk/CIS

Was im Kalender bleibt

Ein Dienstag, ein Kassenbon und die Frage, was ein Kalender wirklich festhält.

VonFalkDatumRubrikChronikLesezeit4 Minuten
Stilisierte Illustration eines offenen Notizbuchs mit leeren Feldern, Bleistift und einem Zettel im Abendlicht.
Stilisierte Illustration eines offenen Notizbuchs mit leeren Feldern, Bleistift und einem Zettel im Abendlicht.

In meinem Kalender stehen die Tage, die ich für wichtig hielt. Die anderen sind deshalb nicht verschwunden. Sie liegen nur woanders: in einem Kassenzettel, in einem Foto ohne Absicht, in der Erinnerung daran, dass an einem Dienstag der Wind plötzlich aus der falschen Richtung kam.

Die leere Woche

Ich blättere zurück zum März und finde eine Woche, in der kein einziger Termin steht. Kein Zahnarzt, kein Telefonat, kein Buchen. Zehn Tage ohne Einzeichnung, wie ein freier Parkplatz in der teuersten Straße. Ich weiß nicht mehr, was ich getan habe. Aber ich könnte beschwören, dass die Woche nicht ruhig war. Es gab den Tag, an dem das Licht um sechs Uhr schon die Farbe von Anstrich hatte, und den Abend, an dem der Nachbar zweimal mit dem Staubsauger gewechselt ist. Das sind die Sachen, die es nicht in die Wochenleiste geschafft haben, weil sie keinen Anfangs- und keinen Endpunkt haben.

Der Termin

Daneben steht er, der Termin: eine Besichtigung, ein Personalgespräch, irgendetwas mit einem Anzug. Ich weiß, dass ich an dem Tag die Hose gebügelt habe und dass mich der Wind auf dem Weg dorthin genervt hat. Der Termin ist erledigt, ausgestrichen, und wenn ich ehrlich bin, erinnere ich mich an das Ergebnis nur ungefähr. An den Wind erinnere ich mich genau.

Kalender und Kopf haben unterschiedliche Speicher: Der Kalender führt, was anfängt und aufhört, der Kopf behält, was riecht, drückt oder einen Moment lang laut war. Ich glaube, mein Kopf sortiert nach Geruch, und die Einträge, die Ordnung und Bedeutung versprochen haben, staubt er ab, wenn das Quartal vorbei ist.

Dabei habe ich herausgefunden, dass ich die Tage um den Termin herum genauer erinnere als den Termin selbst. Vorher die Sorge, nachher die Erleichterung, dazwischen die zehn Minuten, in denen ich am Fenster stand und einen Krankenwagen zählte, ohne zu wissen, warum. Der Kalender kennt nur die Uhrzeit des Termins, und die eigentliche Geschichte spielte sich in den Rändern ab. Ränder haben keine Zeit, sie haben nur Nachbarschaft.

Was ich dokumentiere

Ich habe mir angewöhnt, vieles aufzuschreiben: Blumen, die ich gekauft habe, den Preis von Brot, zwei Zeilen über die Haltestelle. Das führt zu vollen Notizbüchern und leeren Kalendern. Als ich einmal das Notizbuch vor mir lag, sah ich plötzlich, dass ich die Wochenenden fast nie festhielt und der Montag alles anfing. Ein Kalender ist ein Diplomat: Er macht nie Urlaub, er protokolliert, was man ihm sagt, und verschweigt, was man ihm nicht sagt.

Es gibt Tage, an denen ich mein eigenes Notizbuch benutze wie eine ungeordnete Ablage: hier die Seite mit den Zahlen, dort die mit der Zeichnung von einem Felsen, von der ich nicht mehr weiß, wo ich sie gesehen habe. Wenn ich darin blättere, stolpere ich über Notizen, die mich an einen Satz erinnern, den ich nicht mehr aussprechen will. Das Notizbuch ist kein Kalender, es ist ein Geständnis ohne Ordnung, und ich mag es, weil es mich nicht unter Druck setzt.

Einmal habe ich versucht, ein Jahr lang alle Einträge zu nummerieren, weil ich dachte, die Chronik brauche ein Rückgrat. Ich kam bis zum 14. Februar, dann ließ ich es, weil die Nummern nichts verbesserten. Sie sahen nur aus wie eine Ordnung. Der Kalender mit den Terminen und das Notizbuch mit den Nummern: Beides sind Versuche desselben Manuskripts, und beide scheitern auf dieselbe freundliche Art.

Ein älterer Beweis

In der Schublade liegt noch ein Kassenbon aus einem Geschäft, das es längst nicht mehr gibt. Die Schrift ist grün und blass, die Summe ordentlich, das Datum aus einem Jahr, das ich nicht mehr richtig einordnen kann. Ich habe den Bon nie weggeworfen, weil er zu mir gehört, ohne dass ich sagen könnte, warum. Er dokumentiert nichts Wichtiges, und genau deshalb bleibt er. Notizen, die keinen Anspruch erheben, halten am besten, weil niemand sie von sich aus löscht.

Der offene Sonntag

Heute ist Sonntag. Der Kalender zeigt nichts, außer zwei Termine in der nächsten Woche, die ich noch nicht auswendig kann. Ich lasse das Blatt so, wie es ist: keine Farbe, keine Häkchen, keine Eintragung. Zwischen den beiden Terminen klafft ein Tag, den niemand geplant hat.

Es ist dieser Tag, der am Ende übrig bleiben wird. Ich schließe den Kalender, und das Papier behält die kleine Druckstelle, wo der Stift zuletzt gelegen hat. Keine Erkenntnis. Nur ein Beweis, dass er benutzt wurde.