Wenn der September die Luft morgens unter zehn Grad drückt, sieht man den Kranzplatz schon zwei Häuser früher. Nicht an den Fassaden oder an den Ampeln, sondern an der weißen Säule aus Dampf, die hinter den Bäumen aufsteigt. Sie steht da wie ein Fabrikschornstein, der vergessen hat, dass er mitten in einer Kurstadt arbeitet, und schiebt ihren Dunst geräuschlos in die kalten Baumkronen.
Ich gehe an solchen Tagen gern den Bogen über den Platz, selbst wenn die Taunusstraße die kürzere Linie wäre. Das Wasser kommt mit sechsundsechzig Grad aus der Tiefe. Man riecht es, bevor man den Brunnenrand berührt: ein dumpfer, salziger Hauch, in dem eine Spur Schwefel und feuchtes Eisen mitschwingen. Es ist kein schöner Geruch im Sinne von Seife oder Kaffee. Es ist der Geruch von sehr altem Gestein, das seit zwei Kilometern Tiefe keinen Himmel gesehen hat.
Das Geräusch im Kessel
Unten am Springer brodelt das Wasser in einem gleichmäßigen Takt, der nicht lauter wird und nicht leiser. Es klingt wie ein Teekessel, der auf kleiner Flamme vergessen wurde, während draußen die Lieferwagen die Bordsteine streifen. Rund um die Öffnung hat sich der Sinter abgelegt, eine dicke, rötlich-gelbe Kruste aus Kalk und Eisen, die jedes Jahr um einige Zentimeter wächst. Der Stein sieht aus wie der Panzer einer Schildkröte, feucht, warm und an den Kanten glattgeschliffen von Händen, die dort Halt gesucht haben.
Manchmal steht jemand am Geländer und hält die Finger in den Dunst. Keine Kurgesellschaft mit Gläsern und gestärkten Kragen, wie man sie auf alten Postkarten im Schaufenster sieht. Meistens sind es Menschen im Übergang: eine Frau mit Rucksack, die auf den Bus wartet und die Wollhandschuhe ausgezogen hat, um die Handflächen an den warmen Rand zu legen; ein Mann mit Aktentasche, der kurz stehen bleibt, als müsste er prüfen, ob die Erde darunter wirklich noch heiß ist.
Das Wasser fragt nicht nach dem Fahrplan. Es kocht einfach weiter, während wir den Mantel enger ziehen.
Ein Netz unter den Sohlen
Ich habe einmal nachgelesen, wie viel hier jede Minute an die Oberfläche drängt: rund dreihundertsechzig Liter. Der größte Teil davon verschwindet fast unsichtbar im Untergrund. Das heiße Wasser speist die städtischen Bäder von mattiaqua und läuft durch Rohre unter Straßen hindurch, auf denen wir jeden Tag unsere Reifen abfahren. Wir laufen über ein weit verzweigtes System aus Hitze und Mineralien, während oben der Herbstwind die Platanenblätter vor die Schaufenster weht.
Am Trinkbrunnen nebenan probierte vor ein paar Wochen ein älterer Herr das Wasser mit einem kleinen Porzellanbecher. Er trank einen Schluck, verzog das Gesicht und schüttete den Rest mit einer ruhigen Bewegung in den Ablauf. Ich musste schmunzeln. Das Wasser schmeckt wie eine sehr heiße, sehr salzige Brühe, der jemand das Gemüse vorenthalten hat. Man trinkt es nicht zum Vergnügen. Man trinkt es, weil die Stadt seit Jahrhunderten behauptet, dass der Körper danach dankbar sei.
Der Beschlag auf dem Glas
Wenn man zu nah an die Wanne tritt, beschlagen die Brillengläser in einer halben Sekunde. Die Stadt verschwindet dann hinter einer warmen, weißen Wand, und für einen Augenblick bleibt nur das Gluckern im Rohr und das Pfeifen des Windes in den Ästen. Es ist ein merkwürdiger kleiner Schutzraum mitten auf dem Asphalt: sechzig Grad Wärme im Gesicht, während der Rücken noch die Nachtkälte spürt.
Ich nehme die Brille ab, wische sie am Pullover trocken und sehe den Kranzplatz wieder. Ein Radfahrer quert die Pflasterfläche, die Reifen summen leise über die feuchten Rillen, und an der Ecke schließt jemand ein Fahrradschloss auf.
Nichts an dieser Szene verlangt nach einer Erklärung. Das Wasser steigt auf, der Dampf reißt an den Dachkanten ab, und die Kälte nimmt die Wärme mit, noch bevor die zweite Buslinie um die Ecke biegt. Ich stecke die Hände zurück in die Taschen. Die Fingerspitzen riechen noch nach nassem Kalk, als ich die Taunusstraße hinaufgehe.
