Mein Schlüsselbund ist kein besonders ordentliches Gerät. Drei Schlüssel, die längst keinen eigenen Sinn mehr haben, ein kleiner Messingring und der Haustürschlüssel, der immer an der falschen Stelle liegt. Trotzdem weiß er morgens, wohin ich muss. Ich greife in die Jackentasche, noch bevor ich richtig wach bin, und höre das kurze Klirren. Dann ist der Tag bereits unterwegs.
An manchen Tagen bin ich sicher, dass der Schlüsselbund mich geweckt hat, nicht der Wecker. Er liegt da, als hätte er seit Mitternacht Dienst, und ich stelle ihn mir vor wie einen Schichtleiter, der den ersten Funkspruch absetzt. Kein Gerät, das mit mir spricht, sondern ein Gerät, das mich bemerkt. In meinem Kopf ist die Stelle am Ärmel, an der die Jacke hängt, längst mit dieser kleinen Aufmerksamkeit vernäht.
Die Reihenfolge
Nach der Jacke kommen die Treppe, die Tür, das Pflaster. Ich kenne die Abfolge so gut, dass ich sie nicht mehr wahrnehme. Unten der erste Geruch: kühles Mauerwerk, und dann, drei Häuser weiter, Brot oder das Gesicht des Bäckers hinter der Scheibe. Ein Radfahrer, der immer dieselbe Kante nimmt. Eine Ampel, die für mich und den Postboten gleichzeitig grün wird.
Ich glaube, die Stadt hält an diesen Abfolgen fest, damit wir nicht jeden Morgen neu entscheiden müssen. Das Schlüsselloch, das nicht ziert, der Aufzug, der schon da ist, eine Klingel, die ich nie betätige, weil ich die Tür kenne und der Türen so viele gibt. Es gibt eine Sparsamkeit in der Gewohnheit, die ich an manchen Tagen lobe und an anderen als langweilig bezeichne.
Man könnte sagen, der Morgen ist eingerichtet, auch ohne dass ich etwas dafür tue. Die Stadt kennt ihre Notizen: welche Tür quietscht, welche Fuge Wasser hält, welche Schaufenster ihre Beleuchtung abschalten, wenn der Tag hell genug ist.
Ich habe einmal versucht, diese Reihenfolge zu stören, nur um zu sehen, was passiert. Ich habe die Jacke links aufgehängt, die Schlüssel in die andere Tasche gesteckt, und mich danach trotzdem dorthin gewendet, wo sie nicht lagen. Die Hand wusste es besser. Sie fand den Weg, als hätte sie einen eigenen Schlüsselbund für diese Aufgabe.
Die Winterfassung
Im Winter wird die Strecke kürzer und lauter. Der Reißverschluss zieht nicht sofort, die Steine sind glatt, und das Licht hängt tiefer über der Straße, als hätte es das Joch nicht überwinden wollen. Einmal, ich weiß nicht mehr in welchem Jahr, fand ich auf dem Gehweg einen gefrorenen Ast, der aussah wie ein kleiner Meterstab. Ich hob ihn auf und trug ihn eine Weile, bis er zu kalt wurde. Solche Dinge passieren auf Strecken, die man kennt: Sie werden plötzlich zu Bühnen, auf denen kleine Fundstücke auftauchen und wieder verschwinden.
Eine Straße, zwei Fassungen
Es gab eine Zeit, da hing an der Ecke ein Schild, das ich nie gelesen habe, aber immer angesehen. Blau, mit weißer Schrift, ein Geschäft, das schon vor meiner Zeit geschlossen hat. Das Schild blieb, bis irgendwann jemand kam, der es abbauen ließ. Seitdem sieht die Ecke anders aus, höher, jünger. Ich habe den Laden nie betreten und vermisse ihn trotzdem.
Manchmal frage ich mich, was davon in mir hält: Das Haus dort hat die Fassade gestrichen bekommen, der Baum an der Haltestelle ist kleiner geworden, die Querung ist breiter, weil die Stadt etwas eingebaut hat, das sich Sicherheitsinsel nennt. Jede einzelne Änderung war klein. Zusammen ergeben sie einen anderen Morgen, und ich merke es erst, wenn ich darüber nachdenke, warum mir ein Schritt fehlt, den ich vor zehn Jahren noch gemacht habe.
Der Weg ist derselbe. Ich bin nur nicht jeden Morgen derselbe Mann.
Der Umweg ohne Grund
Letzten Dienstag, es hatte geregnet und die Luft roch nach feuchtem Splitt, bin ich an der zweiten Kreuzung nicht nach links gegangen, sondern geradeaus. Nicht, weil ich etwas verpasste. Mir war danach, die andere Reihe Häuser anzusehen, die ich sonst immer nur schräg durch das Fenster des Bäckers erhasche.
Es dauerte vierzig Sekunden, bis ich wieder auf der gewohnten Strecke war, und nichts davon hatte einen Zweck. Aber die vierzig Sekunden reichten, um einen Mann zu sehen, der zwei Stühle vor seinen Laden stellte, als wäre der Gehsteig ein Zimmer. Er rückte beide zurecht, obwohl jeder andere die Stühle hätte stehen lassen. Danach verschwand er, und die Stühle waren leer, wie ein Angebot an niemanden.
Die Gewohnheit weiß den Weg. Man muss ihr nur gelegentlich sagen, dass sie kurz warten soll, dann sieht man, wie viel an derselben Strecke vorbeigeht.
Ich habe mir vorgenommen, den Umweg nicht länger zu planen, sondern anzunehmen, wenn er kommt. Einmal hat eine Parklücke gereicht, ein anderes Mal das Dröhnen des Baustellenhammers, das auf eine andere Straße zeigte. Es ist keine Suche nach der Pointe. Nur die Anerkennung, dass der Umweg zur Strecke gehört und die Gewohnheit ihn zum Tagesablauf zählt, obwohl er nicht eingeplant war.
Am Ende die Tasche
Als ich am Abend nach Hause komme, ist die Jacke durchnässt bis zum Ärmel. Ich stecke die Hand in die Tasche, und der Schlüsselbund liegt noch dort, wo er morgens lag. Kein Wunder, ich habe ihn nie herausgenommen.
Das kleine metallene Geräusch, mit dem der Tag begonnen hat, stellt sich noch einmal ein, sanfter, weil die Hand müde ist. Und es klingt genauso ordentlich wie am Morgen, als hätte der Schlüsselbund den Weg nicht vergessen, obwohl ich den Umweg genommen habe.
