Falk/CIS

Wenn der Laden noch aufräumt

Über Arbeit, die man nur sieht, bevor sie aufgeräumt ist.

VonFalkDatumRubrikStadtlebenLesezeit4 Minuten
Stilisierte Illustration eines Geschäfts am frühen Morgen mit halb geöffnetem Rolladen, Kisten und Besen.
Stilisierte Illustration eines Geschäfts am frühen Morgen mit halb geöffnetem Rolladen, Kisten und Besen.

Die Stadt ist morgens noch nicht geschniegelt. Vor den Geschäften stehen Kisten, ein Rolladen bleibt auf halber Höhe stehen, und jemand schiebt einen Besen so über das Pflaster, als müsse er mit ihm verhandeln. Ich mag diese Zeit. Alles ist sichtbar, bevor es sich hinter dem Schild mit den Öffnungszeiten versteckt.

Die Kisten

Zuerst sind da die Kisten, die vor der Tür warten, als hätten sie sich versammelt. Äpfel, Salat, ein Stapel Karton, der schon einmal benutzt wurde, mit aufgeweichten Kanten. Ein Lieferwagen parkt leicht schräg, und der Fahrer trägt nicht etwa Regale, sondern Blumen, die wie kleine Fahnen aus den Eimern schauen. Er grüßt die Frau hinter dem Tresen, die gerade die Kaffeemaschine anschaltet. Zwei Minuten später steht der ganz normale Duft allein, der Rest ist Stadtgeräusch.

Ich habe oft gedacht, dass diese Viertelstunde die ehrlichste ist. Was vom Vorabend übrig ist, was die Kühltheke noch hergibt, welcher Karton nicht ganz gerechnet hat. Danach beginnt das Schauspiel, und wer zu spät kommt, sieht nur noch die Bühne.

Man merkt, wie viel Ordnung gebraucht wird, damit nichts davon sichtbar ist. Die Schienen der Schubladen sind gehört, das Band der Kasse noch nicht auf Gefahr, die Fläche des Tresens trocken gewischt. Jede dieser Handgriffe hat einen Namen, nur keiner steht am Schild. Die Arbeit vor dem Öffnen ist die einzige Arbeit, um die sich keine Kundin kümmert, und die einzige, ohne die es keine Kundinnen gäbe.

Der Besen

Ein Mann fischt den Besen aus dem Hinterzimmer und kehrt den Gehsteig, als wäre das Pflaster ein Teppich, den man mit zu viel Liebe behandelt. Er kehrt gegen den Wind, aber auch gegen die Logik. Der Haufen bleibt trotzdem liegen, und ein Passant, der vorbeikommt, sieht ihn einen Moment an, aber er weiß es besser, als etwas hineinzutreten.

Ich fragte ihn einmal, warum er kehrt, obwohl der Wind es gleich wieder übernimmt, und er sagte, nicht böse, aber kurzsichtig: Er mache es jeden Morgen, weil jeder Morgen frisch sei. Ich fand die Antwort so schön, dass ich sie mir aufschrieb. Andere Männer kaufen sich dafür Regenschirme aus Baumwollstoff um, dieser Mann kehrt einfach.

Der Laden, an dem ich vorbeigehe, hat keine besondere Marke, keine Geschichte, die erzählt werden müsste. Er wird einfach jeden Morgen aufgeräumt. Es ist eine Art von Beständigkeit, die man erst bemerkt, wenn man selbst eine Stunde früher unterwegs ist, statt mit der Uhr, die vorgibt, wann die Stadt beginnt.

Die halbe Stunde

Beim Bäcker nebenan ist es schon geschäftig. Die erste Kundin weiß, was sie will, keine Bestellung braucht eine Erklärung, und die Verkäuferinnen bewegen sich durch den Raum, als hätten sie vor acht Stunden die Kassen selbst ausgespült. Was ich hier sehe, ist gewöhnlich und geräuscharm. Trotzdem frage ich mich, wie viele dieser Stunden nötig sind, damit die Straße um neun wie selbstverständlich aussieht.

Noch interessanter ist das Fensterputzen. Eine Frau bringt einen Eimer und ein Tuch mit, das aussieht wie ein vom Wind verwehtes Architektenblatt, und fährt damit in Bahnen über die Scheibe. Sie arbeitet nicht, um gesehen zu werden, sie ist hinter der Scheibe und ich davor, und eine Weile habe ich das Gefühl, dass ich sie durch ein Bild betrachte. Als sie fertig ist, bleibt ein dünner Streifen am Rand, und sie kämpft ihn weg, mit einer Geste, die nur aus Geduld besteht. Ich sehe zu, wie der Eimer verschwindet, wie die Scheibe das Licht zurückgibt, das vorher vom verstaubten Glas verschluckt wurde. Zehn Minuten Arbeit, ein Ergebnis, das nichts beweist und doch alles bestimmt, was ein Vorübergehender sieht.

In den hessischen Städten ist inzwischen oft von Zwischennutzung die Rede: Wo ein großes Geschäft schließt, ziehen manchmal kleinere Läden oder ein Markt für eine Saison ein. In der Wiesbadener Langgasse entsteht aus einem ehemaligen Sportgeschäft gerade ein kreativer Marktplatz, berichtete Wiesbadenaktuell im Frühjahr. Der aktuelle Hessen-Blick der Hessenschau behält den Überblick, wo die Innenstädte gerade stehen, und wenn man die Seite des Vormittags kennt, liest sich solche Nachricht wie ein Gespräch mit jemandem, der weiß, welcher Laden um acht Uhr nachts wirklich noch offen hat.

Nach dem Öffnen

Die Rolladen sind hochgegangen, die Kisten sind eingezogen, und der Besenmacher steht nun drinnen, hinter dem Tresen, als wäre er nie draußen gewesen. Auf dem Pflaster bleibt ein etwas hellerer Fleck, wo er gekehrt hat. Die Stadt wechselt den Takt, dreht die Lautstärke auf die Mitte.

Als ich später zurückkomme, ist die Straße voll. Der Lieferwagen ist längst weg, und gegen die Kisten sind die ersten Zeitungsständer getreten, als hätte es sie immer gegeben. Ich suche den hellen Fleck, und finde ihn nicht mehr, weil der Gehsteig jetzt benutzt wird. Es passt mir: Was ein Besen bereitmacht, gehört denen, die vorbeikommen.

Ich gehe weiter, weil ich kein Geschäft zu besorgen habe, und weil diese halbe Stunde der Straße gehört, nicht mir. Aber ich behalte den Besenmann im Kopf, wie jemand, der jeden Morgen dasselbe Kapitel schreibt, damit die anderen ihre Bücher aufschlagen können.